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„Wer mich beleidigt,
bestimme ich“, sagte mein Vater früher zuweilen, und ich staunte schon als
Kind über das Maximalmaß an Selbstbestimmtheit, das damit zum Ausdruck kam. Man
durfte sich offenbar die Freiheit nehmen, einen Provokateur derart tief unter
der eigenen Würde zu verorten, dass seine Unverschämtheit jegliches Gewicht
verlor. Man musste es nur wollen.

Konsultiert man das
Internet, wird dieses Zitat überraschenderweise nicht meinem Vater, sondern
Klaus Kinski zugeschrieben. Das zerstört zwar mit 30 Jahren Verspätung eine jugendliche
Illusion, nicht aber die realexistierende Lebensweisheit, die dem Satz
innewohnt. Sie bringt eine souveräne Gelassenheit auf den Punkt, die uns heute,
in einer Epoche, die man rückblickend vielleicht mal als Neue Empfindlichkeit bezeichnen wird, vollkommen abhanden zu kommen
droht.

Was wir momentan erleben,
ist das Gegenteil lockerer oder sogar humorvoller Contenance in notwendigen Diskursen.
Stattdessen kultiviert unsere Gesellschaft ein individuelles Recht auf
Beleidigtsein: Mit heiligem Eifer sucht man unentwegt nach Gründen, weshalb man
sich mal wieder so richtig schön auf den Schlips oder Schmerzempfindlicheres getreten
fühlen könnte.

 

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